Die alte Mär vom hungernden Künstler

Wer kennt sie nicht, die alte Mär vom „Künstler der am Hungertuch nagt“ 

Seit ich denken kann hatte ich den Wunsch Klavier spielen zu lernen. Leider wurde Kunst in meiner Familie nicht so ernst genommen. Jemand, der den Mut hatte sein inneres Feuer nach Außen hin brennen zu lassen, wurde belächelt und in die Rubrik derer die „eine Ecke ab haben“ geschoben. Zwar setzte ich mit 9 Jahren durch klassischen Gitarrenunterricht zu bekommen, bekam aber gleichzeitig bei jeder Gelegenheit den Mythos vom „hungernden Künstler“ übergestülpt.

Irgenwie gibt es so Situationen, die man niemals vergisst. „Was willst Du denn mal werden, wenn Du groß bist?” – “Künstler”  antwortete   20190216 145732 in Die alte Mär vom hungernden Künstlerich voller Überzeugung. Schallendes Gelächter erfüllte den Raum. „Lerne bloß was Anständiges, was Sicheres! Musik, Gesang, Malerei – das sind Hungerberufe, davon kannst du später nicht leben!“

Jahrzehntelang habe ich an die schreckliche „Künstler-Hungertuch-Geschichte“ geglaubt und dadurch ebenso lang weder meinen eigenen, noch allgemein den Wert in der Kunst erkannt und mich nie wirklich intensiv für Kunst interessiert, geschweige denn meine eigene Kreativität leben können. Klar, es gibt viele kreative Menschen, die für ihre Kunst kämpfen und manche scheitern auch, aber es gibt genauso Viele, die mit ihrer Kunst erblühen. 

„Wenn Du deine Kunst lebst, verhungerst Du“. Das war der Glaubenssatz der sich tief in mir eingebrannt hatte und mich mehr als 3 Jahrzehnte von meiner Kreativität trennte. Mein Sicherheitsbedürfnis katapultierte mich in berufliche Tätigkeiten und familiäre Verpflichtungen hinein, die weder etwas mit mir, noch mit meiner Essenz zu tun hatten. Bis nach 3 Jahrzehnten mein inneres Feuer nur noch leicht glimmte und fast „ausgebrannt“ war. Aber das ist eine andere Geschichte

Diesen Glaubenssatz aufzulösen dauerte fast 18 Jahre und ging sowohl mit familiären Anfeindungen, Ausgrenzung als auch mit Kontaktabbrüchen einher.  Sicher hatte das aber generell mit  meinem „Anders Sein“ zu tun. Aber letztendlich, bin ich den Weg meiner Kunst kontinuierlich und in Klarheit gegangen und das machte mich zu einem glücklichen, freieren Mensch-   Ich für mich kann sagen: Ja, ich kann DURCH meine Kunst und gerade deswegen auch ein Stück weit von ihr leben.

Und was ist das Geheimnis meiner Kunst? Es ist eine Art Verschmelzung von Funktionalität und Musik, Ritual- & Zeremonial-Instrumente, verbunden mit dem alten Erbe in mir, dem Wissen und Fühlen des Zeitgeistes, von Rhythmus, Raum und Klang…. 

Womit hatte ich diese Zeilen begonnen? Mit dem Wunsch Klavier spielen zu lernen –

Nun, mit 56 Jahren erfülle ich mir meinen Kindheitswunsch. Sicher werde ich keine Konzertpianistin mehr werden, aber den Anspruch habe ich gar nicht. Ich möchte es nur  verstehen, das Klavier – mit seinen 88 Tasten. Wenn es für ein paar attraktive Blues Akkorde reicht bin ich gesegnet. –

Text ©Kayo-Matú 2018